Impfstofftransporte

Ein kleiner Pieks für die Menschen, eine große Aufgabe für Logistiker

Temperaturgeführte Pharmatransporte sind seit der Entwicklung des ersten Impfstoffs zur Verhinderung einer Corona-Ansteckung in aller Munde. Wir schauen für Sie aus einem logistischen Blickwinkel auf dieses Thema und informieren über die rechtlichen Hintergründe. 

Zu sagen, dass Impfstoffe ein Trendthema in 2021 darstellen, wäre wohl beinahe eine Untertreibung. Die schnelle Entwicklung von Impfstoffen verfolgte die Weltgemeinschaft seit Ausbrauch der globalen Corona-Pandemie mit Spannung von Anchorage bis Adelaide sowie von Kapstadt bis Tromsø. Die Zulassung der Impfstoffe zum Jahresende 2020 erlebten die Menschen als langersehnten Silberstreif am Horizont. Nach der Höchstleistung der Wissenschaftler rückte die organisatorische und auch logistische Herkulesaufgabe der Distribution der Impfstoffe in den Mittelpunkt – und damit die Pläne für eine sichere Lagerung und schadensfreie Transporte. 

Für Pharmalogistiker gelten temperaturgeführte Transporte als alltägliche Aufgabenstellung. Eine aktive Temperaturführung in den Bereichen von zwei bis acht und von 15 bis 25 Grad Celsius zählt zu den Standardangeboten der Branche. Entgegen mancher Behauptung muss selbst der Wirkstoff von BioNTech/Pfizer nicht für jeden Anwendungsfall bei minus 70 Grad Celsius transportiert werden: Stattdessen kann die Route im LKW zum Impfzentrum bereits zum Auftauen vor dem Einsatz des Vakzins genutzt werden. Im Digitalzeitalter werden von den führenden Fuhrunternehmen für diese Aufträge sogenannte Temperaturlebensläufe erstellt. In diesen dokumentieren die Frachtführer die Einhaltung der Vorgaben. 

Wer ist in der Beweispflicht? 

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen kann es im Alltag immer wieder einmal zur Unterbrechung der Kühlkette und damit zu Schadensfällen kommen. Logischerweise rückt dann die Frage nach der Haftung in den Brennpunkt. Einen Streitfall zum Thema Temperaturführung entschied in der Vergangenheit das Oberlandesgericht Brandenburg unter dem Aktenzeichen 7 U 119/18. 

Nach Eintreffen von Impfstoff am Zielort ließ sich bei diesem Fall feststellen, dass die Ware während ihres Weges von Großbritannien nach Deutschland beschädigt worden war. Die Auftraggeberin des Transportauftrages war als Klägerin der Meinung, dass die Angeklagte, die Frachtführerin auf der zweiten Teilstrecke, für den entstandenen Schaden haften müsse. 

Das Gericht folgte dieser Argumentation nicht. Denn ein Frachtführer haftet laut dem in der Internationalen Vereinbarung über Beförderungsverträge auf Straßen (CMR) hinterlegten Artikel 17 Absatz 1 nicht, wenn ihm die Ware bereits in beschädigtem Zustand übergeben wird. Im vorliegenden Fall gab es zwei Teilstrecken und eine Zwischenlagerung bei einem Großhändler in Frankreich. Der Klägerin gelang es nicht, zu beweisen, dass die Beschädigung nur auf der Strecke zwischen dem französischen Großhändler und der Zieldestination in Deutschland, also beim Teiltransport der Angeklagten, passiert sein musste. Der Frachtbrief, der die Verpflichtung zum Transport innerhalb der vertraglich vereinbarten Temperatur von zwei bis acht Grad Celsius enthielt, reichte dafür nicht aus. 

Existierende Verantwortung exakt dokumentieren 

Ob zu Recht unschuldig für das Auftreten des Schadens befunden oder einfach nur Glück gehabt auf Seiten der Beklagten aufgrund fehlender Dokumentation durch die Klägerin, ist für die „Moral von der Geschichte“ fast unerheblich. Der Fall beleuchtet generell einen wichtigen Aspekt des Transportgeschäftes und geht dabei über die Spezialdisziplin der Impfstofflogistik hinaus. Eine revisionssichere Dokumentation von Transporten erspart möglicherweise den Gang vors Gericht, da deutlicher ersichtlich wird, wo das unter Umständen aufgrund technischer Defekte kaum zu verhindernde Unheil seinen Lauf nahm. 

Im Idealfall verhindert ein stets sorgsamer Umgang mit den Waren deren Beschädigung. Dass dabei nützliche Assets, wie beispielsweise die Temperatursensoren in den Kühltransportern oder die LKW-Telematik, sowie die präzise Kontrolle der digitalen Daten mehr und mehr eine präventive Funktion einnehmen können, lässt hoffnungsvoll in die Zukunft blicken – analog zum Zurückdrängen der Pandemie durch die Impfstoffe.